Reformation 2017 in den Kirchenkreisen Aachen . Jülich . Gladbach-Neuss . Krefeld-Viersen

29.08.2017

Theater "Anders glauben": im September in Heinsberg, Krefeld und Aldenhoven

Der Niederrhein im 16. Jahrhundert: Wittenberg ist weit weg. Hier glaubt man anders. Und stellt doch die gleichen Fragen. Bis heute? Ein Theaterprojekt aus der Evangelischen Kirchengemeinde Schwanenberg macht Geschichte lebendig.

Es übt schon eine gewisse Faszination aus zu begreifen: Geschichte ereignet sich nicht fernab von uns, sondern wir sind mittendrin. So geschah auch die große Erneuerung der abendländischen Geschichte, die Reformation, nicht fern von uns, sondern ganz nah, auch hier am Niederrhein, bei uns! Die Entwicklung unseres Dorfes wurde hierdurch auch entscheidend beeinflusst.

Reformation, das heißt zum Beispiel Aufbegehren gegen die erstarrte mittelalterliche Kirche, gegen Angstmacherei vor Höllenqualen nach dem Tod im Ablasshandel und Aufbegehren gegen versteinerte Strukturen. Dies alles vor fünfhundert Jahren, um 1517.

So werfen wir nun ein Streiflicht auf diese und die Folgezeit in unserem Dorf.

Schwanenberg und die Reformation

Schwanenberg gehörte damals zur Herrschaft Wickrath. Diese wurde 1498 „reichsunmittelbar“, das heißt, dass sie keiner anderen Herrschaft als der des Kaisers untergeben war. Nach dem Augsburger Religionsfrieden 1555 konnte jeder Landesherr in seinem Territorium die Religion für sich und seine Untertanen bestimmen (cuius regio, eius religio).

Der evangelische Gottesdienst wurde mit sehr großer Wahrscheinlichkeit 1557/58 von dem Reichsherrn von Wickrath, Johann von Quadt, in Schwanenberg eingeführt. In der weit verzweigten Familie der von Quadts herrschte reformatorische Gesinnung vor. Ob sich die Gemeinde schon zu Beginn mehr zur lutherischen oder reformierten Richtung (vor allem das Abendmahlsverständnis ist hier trennend) zugehörig fühlte, ist nicht eindeutig belegbar. Die Gemeinde wird allerdings schon 1572 mit dem Prediger Wilhelm Schütz als reformiert bezeichnet, aber erst 1601 schloss sie sich der reformierten Kirche an. Die Gemeinde Schwanenberg war aufgrund ihrer Reichsunmittelbarkeit in der Bewegung der Gegenreformation, insbesondere nach 1610, nicht in Bedrängnis geraten. Dies galt auch für die zum alten Pfarrbezirk gehörigen jülichschen Dörfer Grambusch und Hoven und die zur Herrschaft Tüschenbroich gehörigen Dörfer Geneiken und Genfeld. Nur das Dorf Matzerath war durch den starken Einfluss des mächtigen Kreuzherrenklosters Hohenbusch schon 1558 nach Erkelenz umgepfarrt worden und verblieb somit bei der „alten Kirche“; dies unterstützt die These, dass der evangelische Gottesdienst in dieser Zeit in Schwanenberg eingeführt wurde.

Das war sicher ein längerer Übergangsprozess auf der Basis einer großen Bereitschaft in der Bevölkerung und nicht eine einmalige Aktion, wie es in verschiedenen Dokumentationen behauptet wird.  

Die Franzosenzeit 1794-1813 brachte viel Not, aber auch die Freiheit des Gottesdienstes und das Ende der Unterdrückung für die reformierten „Gemeinden unter dem Kreuz“. Dadurch bekam Schwanenberg die Freiheit der Pfarrerwahl. Die kirchliche Ordnung wurde stark geändert und der staatlichen Aufsicht unterstellt. Die Gemeinde kam zur Consortialkirche Odenkirchen. Preußen hielt diese Zuordnung zunächst bei, richtete dann aber nach der preußischen Kirchenordnung von 1835 im Juli 1837 die Kreissynode Jülich ein. Damit gehört Schwanenberg seither zur Synode Jülich.

1817 wurde in Schwanenberg anlässlich der Dreihundertjahrfeier der Reformation die preußische Union eingeführt. Seitdem nennt sich die Gemeinde „evangelisch“ und war eine berühmte „blaue“ Enklave im mehrheitlich katholisch geprägten Kreis Heinsberg.

Ein Theaterstück entsteht

Die von neuen Ideen und teils heftiger Auseinandersetzung geprägte Zeit wird nun das Jugendtheaterprojekt der Evangelischen Kirchengemeinde Schwanenberg in einem eigens für die Gemeinde, den Kirchenkreis Jülich und die Ev. Kirche im Rheinland geschriebenen Theaterstück auf die Bühne bringen – mitten in der alten Kirche in Schwanenberg. Das ist angesichts von 500 Jahren Reformationsgeschichte sehr angemessen und besonders, aber auch heikel, denn wir spielen Theater mit und in einer lebendigen Gemeinde, nicht am Theater (aus dem man anschließend in die Anonymität verschwindet) - und dann auch noch über unsere Gemeinde. Wir möchten keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass wir heute voller Überzeugung in ökumenischer Verbundenheit – ja freundschaftlich - jeden Tag Seite an Seite mit unseren katholischen Geschwistern in unseren Gruppen und Veranstaltungen Kirche leben und gestalten. Mit dem Theaterstück stehen wir vor der Herausforderung, auf der einen Seite die Zeit der Reformation samt ihren heftigen und unhöflichen gegenseitigen Beleidigungen nicht zu verharmlosen und auf der anderen Seite unsere katholischen Geschwister oder auch unsere evangelischen Gemeindeglieder nicht zu verletzen. Deshalb ist unser Stück als Theater im Theater konzipiert. Es gibt also zwei Handlungsebenen.

Zum einen die gegenwärtige, in der junge Leute über den Glauben nachdenken. Diese Gedanken hat der Autor Peter Schanz vor Ort bei seinen Recherchereisen im Kontakt mit den Jugendlichen gesammelt und greifbar gemacht:

„Warum glauben wir?

Warum glauben wir, was wir glauben?

Glauben wir, dass wir etwas Besseres glauben als die anderen?

Wie lange werden wir an unserem Geburtsort noch so glauben wie heute?

Hält der Glaube eigentlich dann länger, wenn er bedroht wird?“

In einer zweiten von unserem Autor recherchierten historischen Handlungsebene versetzen sich die Jugendlichen aus diesen Gedanken heraus immer wieder in wechselnde Rollen aus der Reformationszeit und spielen in mosaikartiger Zusammensetzung unterschiedliche Szenen, wie z.B. „Markt in Erkelenz“, „Unter der Campanus-Eek“ oder „Martyrien“. Die Zuschauer erleben französische Flüchtlinge aus Randerath, Ablasshändler, Apokalyptiker und Wachszieherinnen, eine gespaltene Genhofer Familie, Lutheraner, Täufer, Calvinianer, Müntzerianer und viele andere.

Was das Stück besonders macht

Es ist uns in der Gemeinde ein Anliegen, dass bei den Theaterstücken nicht nur unsere Konfirmanden, sondern auch deren katholischen Freunde mitspielen – ein weiteres Zeichen für die Verbundenheit von evangelischen und katholischen Christen in Schwanenberg heute. Für dieses Theaterstück ist nun eine Gruppe von 42 jungen Menschen im Alter von 14-28 zusammengekommen, die mit Regisseur und Pfarrer Robin Banerjee in drei Besetzungen jeden Samstag seit Dezember 2016 probt. Es ist ein „All-Stars-Team“, denn alle haben schon einmal in den vergangenen Theaterstücken der Kirchengemeinde gespielt und kommen nun zu diesem besonderen Anlass noch einmal zusammen. Das passt nicht nur zu einem Reformationsjubiläum, sondern auch zu einem Jubiläum der Jugendarbeit unserer Kirchengemeinde: Es ist das 10. Stück, das aufgeführt wird. Die Theaterprojekte sind weit über die Gemeindegrenzen bekannt. Jedes Jahr kommen mehr als 1200 Besucher. Die Ev. Kirchengemeinde Schwanenberg hat 2014 dafür den Ehrenamtspreis der Ev. Kirche im Rheinland gewonnen.

Neu bei dieser Aufführung ist auch das Mitwirken unseres Kirchenchores, in dem ebenfalls evangelische und katholische Christen schon seit Jahrzehnten miteinander singen. Über die Mitwirkung des Kirchenchores freuen wir uns ganz besonders, denn in der Reformation spielten Lieder eine besondere Rolle, weil sie die Botschaft in einfacher Weise und durch die Melodie direkt in die Herzen brachten. Und natürlich wird ein Theaterstück überhaupt durch einen Chor bereichert. Es ist aber auch für die Gemeinde toll, wenn es zu Projekten kommt, die die Generationen verbinden.

Und wenn Sie dann noch unsere Kirche in einem anderen Licht und zu einem Amphitheater umgebaut erleben möchten, besorgen Sie sich Eintrittskarten zu einer unserer 6 Aufführungen. Ab Anfang Juni sind sie zu haben.

Pfarrer Robin Banerjee

 

Termine

Uraufführung ist am 22.06.2017 um 20.00 Uhr in Schwanenberg. Darauf, welche Geschichten erzählt werden. Darauf, einen Eindruck davon zu bekommen, was Reformationsgeschichte am Niederrhein damals war und heute ist. Darauf, uns mitnehmen zu lassen in eine Zeit, die immer auch unsere ist. Weil Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart immer zusammengehören.

Weitere Aufführungen zum Vormerken (jeweils um 20.00 Uhr in Schwanenberg):
Freitag, 23.06.2017
Samstag, 24.06.2017
Sonntag, 25.06.2017
Montag, 26.06.2017
Dienstag, 27.06.2017

Freitag, 22.09.2017 (19.30 Uhr) in der Ev. Kirche Heinsberg
Samstag, 23.09.2017 (19.30 Uhr) in der Ev. Friedenskirche Krefeld (Luisenplatz 1, 47799 Krefeld)
Freitag, 29.09.2017 (19.30 Uhr) in der Ev. Kirche Aldenhoven

VVK ab Juni 2017

Gottes Wort
kehrt nicht wieder leer
zu ihm zurück. Jesaja 55